work in progress… Handschlag der Tide

Ein Text, der sich formal in sehr engen Grenzen bewegt, jede Seite umfasst 144 Wörter. Inhaltlich ist er hingegen freischwebend.

HANDSCHLAG DER TIDE handelt von Topologien. Von Landschaften, in denen der Mensch nur als ein eher randständiges, wetterleuchtendes Element existiert. Von biologischen und geologischen Vorgängen, die sich eher in Jahrmillionen als in Lebensspannen bemessen und die die Versuche menschlichen Eingreifens (Deichbau, Tunnelbau, Staudammbau) als bemitleidenswert und pathetisch erscheinen lassen. Der Topos des Textes ist der Topos. Die literarische Zeit ist die Gegenwart. Der Gezeitenstrom ist Agent und Codierung des andauernden Wandels anstelle eines kurzatmigen Fortschritts.
Die Moderne setzte den Menschen und sein Schaffen in den Mittelpunkt der Betrachtung und erklärte die Zeit im Sinne des Fortschritts zur entscheidenden Variablen. Mit dem „spatial turn“, der topologischen Wende, haben die Sozialwissenschaften schon vor zwanzig Jahren den geografischen Raum als kulturelle Größe wiederentdeckt. Mit der Zunahme naturwissenschaftlichen Wissens erscheint der Mensch immer mehr als kleine und vorübergehende Erscheinung im Universum, in dem sich weder Planeten als etwas Seltenes herausstellen noch die Sonderstellung des Menschen gegenüber anderen Bewohnern der Erde aufrechterhalten lässt, während gleichzeitig die Konsequenzen der Eingriffe des Menschen in die Gaia schmerzlich die Fragilität menschlicher Existenz verdeutlichen.
HANDSCHLAG DER TIDE ist eine Sammlung von 144 kurzen Prosatexten. Jeder Textteil nimmt einen Bestandteil aus einer Landschaft auf und schließt ihn nach 144 Wörtern wieder ab. Informations- oder Sinnträger ist die formale Gleichheit, eine quasi mathematische Sturheit. Die Form folgt einer synchronen Struktur, der Inhalt losen Ketten, Fakten, Assoziationen und Fantasien. Kontraste und Brüche sind wichtiger als das lineare Fortschreiten des Erzählens.
Die Landschaft tritt in zwei Extremen auf: als Glarnerland (Schweiz) einerseits und als Wattenmeer (deutsche Nordseeküste) andererseits. Das Glarnerland ist ein in sich geschlossenes Gebiet der Gesamtalpen mit einer ungewöhnlich hohen Dichte von Geotopen, Zeugen der Erdgeschichte. Das Wattenmeer ist eines der weltweit größten gezeitenabhängigen Feuchtbiotope. Sein Name leitet sich vom altfriesischen Wort „wad“ für „seicht“ ab. Es besteht aus einer zusammenhängenden Fläche aus Schlick und Sandwatt mit zahlreichen anderen Lebensräumen wie Salzwiesen, Marschflächen, Dünen usw. Die Gegensätze in der Oberflächenbeschaffenheit beider Landschaften
bilden die Geschichte. Gemeinsam ist beiden Landschaften das Unstete, Flüchtige: Wind und Wasser.
In beiden Landschaften lebt eine einzige literarische Figur, die das Geschehen stellvertretend für ihr soziales und historisches Umfeld in einer archaischen Form repräsentiert: im Glarnerland der Jäger Meinrad; im Wattenmeer die Halligfrau Oonagh.
Beide Landschaften sind autobiografisch verknüpft mit der Autorin. Man könnte auch sagen, HANDSCHLAG DER TIDE sei eine topologische Autobiografie. Eine Autobiografie also, die sich nur am Schauplatz des Erlebten orientiert, nicht aber an den am realen Erlebten beteiligten Personen. Eine Autobiografie bar aller Zeit und bar jeder zwischenmenschlichen Beziehung – eine Autobiografie nur im Präsens.
Beide Landschaften gehören zum UNESCO-Weltnaturerbe: die Glarner Hauptüberschiebung
(Tektonikarena Sardona) seit 2008, grenzüberschreitend das Wattenmeer zwischen der holländischen Insel Texel und der Nordspitze Sylts seit 2009, erweitert um den dänischen Teil der Nordseeküste seit 2014.

© Judith Arlt – Hallig Hooge, im September 2015

Hier ein Auszug, der in einer früheren Version unter dem Titel „La gioia del vento“ bereits gedruckt vorliegt: In Sterz, Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kulturpolitik, Nr. 103: Freude, Graz 2011, S. 48-49


Vento …

Vento … ist der Wind in einer fremden Sprache. Wie Leste, Keanu oder Bhoot. Vento ist ein Wort wie Staubteufel, Traubenkocher oder Schlammfresser. Solche Wörter öffnen Türen.

Das Wort Wind lahmt. Vento will in Schwung kommen. Er braucht mehr als ein Bein. Temperaturunterschiede und Dichtedifferenzen. Steigt die Luftströmung auf an der Kaltfront, muss zum Ausgleich dahinter etwas absinken. Schmelzwasser tropft über Stock und Stein. Zeichnet das drei­gipfelige Kalkmassiv. Wiatr. Vent. Feng! Zur Faust erhoben. Ein Imperativ in deutschen Ohren: Fang! Hart. Kant. Nein! Feng gehört dem Kaiser von China. Das Firndach ist schneefrei, ein Gipfel schon ver­schwunden im Grat, im Groll, im Gewittersturm. In herabtrudelnden Träumen, einer drohenden Ewigkeit, ausgelöst von einem einzigen falschen Fußtritt. Geboren im Felsenmeer.

Vento ist Sphärengesang. Dissonant im Auf und Ab. Unbeeindruckt von Sturmflutwarnungen und Reisiggeflechten trifft er auflandig auf be­festigte Halligkanten. Erkundet Oberboden und Störstellen, bis ihn Bodenbrütergefieder umarmt.


Apert das Gipfelfirnfeld aus …

Apert das Gipfelfirnfeld aus … verliert der Berg seinen Halt. Graupelartige Gebilde rollen den Südwesthang hinab. Der Wortschatz ist großzügig. Vento, der zweibeinige Wind, öffnet Ritzen, Spalten, Töpfe. Besteigt greisenhafte Gesimse. Hebt das Eis vom gebrochenen Auge eines nie Geborgenen.

Die schräge Senke der alten Kalktafel gibt ihr Profil widerstandslos auf. Zweitausend Meter und mehr kann Geröll hinunter poltern. Auch ein Schuh oder der Stock. Trotz großgestufter Bänderstrukturen, Steigungs­regen und Hitze in der Höhe überwindet die Souliera die Serpentinen von Süden mit der Limousine. Sie fegt den Hut hinweg und liebkost die Schädeldecke. Der Tiefausläufer folgt ihr auf dem Fuß.

Vergeblich richten aerosolarme Massen Föhnmauern auf, schlagen Föhnfenster ein, zaubern wasserfeste Fernsichten in die stahlblauen Ovale des Feldstechers. Steinschlag füllt das Linthtal, die Seitenarme, den Klöntalersee. Begräbt die Stadt, den Friedhof, die Kirche, das Gerichtsgebäude, Nackte, Namenlose und Verschollene. Die Ablation endet an der Sandstraße.


Sand bedeutet …

Sand bedeutet … den besonders schmerzlosen Übergang. Vom gebirgs­bildenden Gestein zum Kindertraum. Von einer Alpenfelskanzel zum Spielzeug der Gezeiten. Chamsin wiegt ihn in Ägypten im Arm. Auf Amrum weicht der Lungenenzian über die Jahre dem Habichtskraut. Jede Sturmflut entreißt Sylt ein paar Tonnen Kniepsand und transportiert sie nach Süden. Jungnamensand besteht aus Hochsand und trockenfallen­den Flächen bei Niedrigwasser. Steigt der Meeresspiegel, versinken die Rückzugsgebiete für Mantelmöwen, Weißwangengänse und Brandsee­schwalben. Die Kegelrobben können ihren Nachwuchs auch in der Stehenoddener Marsch aufziehen. Wiesenpieper, Sandregenpfeifer oder Mittelsäger hingegen finden nirgends mehr Erdhöhlen, Mulden, Halme, Moos oder Schlickflächen. Nur den Sand rühren Temperaturschwankun­gen in keiner Weise. Er singt, wandert, steigt, flieht, sieht sich vor. Unter Wasser. Über Wasser. In den Wüsten Belutschistans. Immer feiner geschliffen, anschmiegsam aber wurzellos, wirbelt er auf. Beeinträchtigt die Sicht schlimmer als die Nacht. Füllt Dünen auf Geestkerninseln, Fahr­dämme in Sibirien und Straßenverzeichnisse von Allerweltsstädten.


Namen lauern …

Namen lauern … in der Tiefe der Seele. Das letzte Wort liegt unaus­gesprochen im klaffenden Kiefer. Steine sorgen für Ausgleich von innen und außen. Überdruck schleudert sie aus dem Krater. Überhitze macht sie geschmeidig. Granit kühlt langsam ab und baut Masse auf. Basalt erkaltet an der Erdoberfläche. Manchmal so schnell, dass er zur Säule erstarrt wie Lots namenlose Frau.

Nur der Bartgeier frisst Knochen. Kein anderes Tier neidet sie ihm. Endlich gibt auch der Bifertengletscher seine Eistoten frei. Vom Zuetribistock stürzen haushohe Felsbrocken auf die Sandalp und stauen den Sandbach. Spitze Knochen können Magenschleimhäute verletzen. Selbst Waldohreulen spucken Wühlmausgerippe in Fellreste verpackt wieder aus. Heringsmöven würgen Muschelschalenklumpen hervor. Der Bartgeier hingegen verdaut ganze Kreuzwirbel. Menschliche Ober­schenkel hebt er in seinen Fängen über den nächsten Steilhang und lässt sie auf die Felsen hinunter krachen. Sie zersplittern in Tausend Stücke und ihr Verstummen gehört Vento, dem Wind.


Die Einöde …

Die Einöde … ist überall. Eiswüsten stöhnen, wenn sie sich rühren. Weder Salze noch Magmatite binden die Verlassenheit. Sinkstoffe sind unverzichtbar für das Mischwatt. Schwebestaub belastet die Lungen­bläschen. Austernfischer folgen zweimal täglich ekstatisch kreischend dem ablaufenden Wasser und stochern nach Herzmuscheln, während Lachmöven Borstenwürmer aus dem Wattboden trampeln.

Irrtümer sind allgegenwärtig und ohne Nutzen. Natürlich schließt der Tödi das Tal der Linth ab. So endgültig wie das Tor die Vorhölle. Der Berg steht am Ende der Welt. Über seinen Gipfel verläuft eine Sprach­grenze. Wer durch die Russeinpforte aufsteigt, verbreitet einen anderen Gesang. Mit dem Tod hat er nichts zu tun. Auf den nordfriesischen Halligen schlagen Regenpfeifer Alarm, wenn Vento auf Südwest dreht und wilder wird. Die Springtide fällt Hooge von allen Seiten gleichzeitig an. „Landunter“ bedeutet „Meerüber“. Die Flut verschlingt den Tag und die Salzwiese. Ein wehrloser Schaumstreifen liegt im Toben zwischen Himmel und Erde.

© Judith Arlt 2014

Schriftstellerin | Übersetzerin | deutsch und polnisch