work in print… Handschlag der Tide

Ein Text, der sich formal in sehr engen Grenzen bewegt, jede Seite umfasst 144 Wörter. Inhaltlich ist er hingegen freischwebend. Erschienen im Achter Verlag im Herbst 2023.

HANDSCHLAG DER TIDE – summa terrestris – handelt von Topologien. Von Landschaften, in denen der Mensch nur als ein eher randständiges, wetterleuchtendes Element existiert. Von biologischen und geologischen Vorgängen, die sich eher in Jahrmillionen als in Lebensspannen bemessen und die die Versuche menschlichen Eingreifens (Deichbau, Tunnelbau, Staudammbau) als bemitleidenswert und pathetisch erscheinen lassen. Der Topos des Textes ist der Topos. Die literarische Zeit ist die Gegenwart. Der Gezeitenstrom ist Agent und Codierung des andauernden Wandels anstelle eines kurzatmigen Fortschritts.
Die Moderne setzte den Menschen und sein Schaffen in den Mittelpunkt der Betrachtung und erklärte die Zeit im Sinne des Fortschritts zur entscheidenden Variablen. Mit dem „spatial turn“, der topologischen Wende, haben die Sozialwissenschaften schon vor zwanzig Jahren den geografischen Raum als kulturelle Größe wiederentdeckt. Mit der Zunahme naturwissenschaftlichen Wissens erscheint der Mensch immer mehr als kleine und vorübergehende Erscheinung im Universum, in dem sich weder Planeten als etwas Seltenes herausstellen noch die Sonderstellung des Menschen gegenüber anderen Bewohnern der Erde aufrechterhalten lässt, während gleichzeitig die Konsequenzen der Eingriffe des Menschen in die Gaia schmerzlich die Fragilität menschlicher Existenz verdeutlichen.
HANDSCHLAG DER TIDE – summa terrestris – ist eine Sammlung von 144 kurzen Prosatexten. Jeder Textteil nimmt einen Bestandteil aus einer Landschaft auf und schließt ihn nach 144 Wörtern wieder ab. Informations- oder Sinnträger ist die formale Gleichheit, eine quasi mathematische Sturheit. Die Form folgt einer synchronen Struktur, der Inhalt losen Ketten, Fakten, Assoziationen und Fantasien. Kontraste und Brüche sind wichtiger als das lineare Fortschreiten des Erzählens.
Die Landschaft tritt in zwei Extremen auf: als Glarnerland (Schweiz) einerseits und als Wattenmeer (deutsche Nordseeküste) andererseits. Das Glarnerland ist ein in sich geschlossenes Gebiet der Gesamtalpen mit einer ungewöhnlich hohen Dichte von Geotopen, Zeugen der Erdgeschichte. Das Wattenmeer ist eines der weltweit größten gezeitenabhängigen Feuchtbiotope. Sein Name leitet sich vom altfriesischen Wort „wad“ für „seicht“ ab. Es besteht aus einer zusammenhängenden Fläche aus Schlick und Sandwatt mit zahlreichen anderen Lebensräumen wie Salzwiesen, Marschflächen, Dünen usw. Die Gegensätze in der Oberflächenbeschaffenheit beider Landschaften bilden die Geschichte. Gemeinsam ist beiden Landschaften das Unstete, Flüchtige: Wind und Wasser.
In beiden Landschaften lebt eine einzige literarische Figur, die das Geschehen stellvertretend für ihr soziales und historisches Umfeld in einer archaischen Form repräsentiert: im Glarnerland der Jäger Meinrad; im Wattenmeer die Halligfrau Oonagh.
Beide Landschaften sind autobiografisch verknüpft mit der Autorin. Man könnte auch sagen, HANDSCHLAG DER TIDE sei eine topologische Autobiografie. Eine Autobiografie also, die sich nur am Schauplatz des Erlebten orientiert, nicht aber an den am realen Erlebten beteiligten Personen. Eine Autobiografie bar aller Zeit und bar jeder zwischenmenschlichen Beziehung – eine Autobiografie nur im Präsens. Mit anderen Worten: eine summa terrestris.
Beide Landschaften gehören zum UNESCO-Weltnaturerbe: die Glarner Hauptüberschiebung (Tektonikarena Sardona) seit 2008, grenzüberschreitend das Wattenmeer zwischen der holländischen Insel Texel und der Nordspitze Sylts seit 2009, erweitert um den dänischen Teil der Nordseeküste seit 2014.

HANDSCHLAG DER TIDE – summa terrestris – beendet die Serie „Geregelter Prosa“ (I: Hooger Nüsse 2019, II: friedas gangarten 2020).

© Judith Arlt 2023

Schriftstellerin | Übersetzerin | deutsch und polnisch