Die Rückenträumer

Auf den ersten Blick ist Herr Caruso schwarz wie die Nacht, auf den zweiten blitzt es unter seinem Kinn schneeweiß. Stichelhaare! Unsere Blicke treffen wie Samuraischwerter aufeinander, wenn er vor der geschlossenen Küchentür hockt und den Kopf zu mir hebt. Er ist angriffslustig: die Tür hat er bereits erfolglos mit seinen Vorderpfoten traktiert, nun schwingt er die emotionale Keule gegen mich, guckt steinerweichend. Ich bin unnachgiebig: „Nein!“ Mein Herz ist aus Stahl. Ich blinzle ihn an und wiederhole: „Nein, es ist noch zu früh“. Er ist ein kluger Kater und blinzelt nicht zurück. Das wäre ja ein Zugeständnis. Er klagt tonlos weiter, sperrt das Maul auf, zeigt sein Raubtiergebiss und eine zartrosa schimmernde Zunge. Hunger, dröhnt es aus seinem Rachen. Hinreißend! Wir wetzen unsere Waffen, bis ich die letzte Runde mit zwei Einwortsätzen einläute: „Später!“ und „Warten!“ Ich drehe mich um und er kapituliert, rollt sich ein auf seinem Kissen, lässt aber die magische Tür nicht aus den Augen. Wir verstehen uns jeden Tag besser.

Herr Caruso stammt aus der Waschküche des Tierheims. Dort war er wegen Überfüllung die ersten Tage untergebracht, bevor er in eine der Katzenwohngruppen eingegliedert werden konnte. Dazu kam es nicht mehr, weil ich vor dem Wäschetrockner auftauchte, eine leere Transportbox in der Hand, den neuen Namen auf den Lippen: Caruso! Er ließ sich streicheln und tretelte. Also nahm ich ihn mit.

Zu Hause schien Herr Caruso auf den ersten Blick wohlerzogen. Er sprang nirgends hoch, kratzte an keinen Möbeln, fand traumwandlerisch sein Katzenklo, wartete unter der offenen Küchentür auf sein Futter, respektierte Räume und Grenzen im Haus sowie meinen Tag-Nacht-Rhythmus. Den ersten Winter verbrachte er im Flur in der Sichtachse Katzenklappe – Küchentür. Er brauchte Wochen, bis er das von mir dort platzierte Kissen akzeptierte und sich darauf legte. Auf den zweiten Blick ist Herr Caruso das, was ein Kater von Natur aus ist: ein Raubtier. Er war keine 24 Stunden bei mir und hatte meine rechte Hand zerfleischt!

Herr Caruso singt nicht, Herr Caruso beißt. Ungehalten, böse, reflexartig, schnell und zielgerichtet. Das erste Mal biss er zu, als ich ihn in bester Absicht auf den Arm nehmen wollte. Friedrich der Kleine stand mit einem Willkommensgeschenk vor der Tür und ich wollte nicht, dass mein neuer Mitbewohner abzwitschert. Ich konnte nicht wissen, dass Herr Caruso nicht auf den Arm genommen werden möchte. Wer möchte das schon? Und ich konnte nicht ahnen, dass er keine Absicht hatte, abzuzwitschern. Tatsächlich wollte Herr Caruso vom ersten Tag an nur bei mir bleiben. Mit Friedrich dem Kleinen, dem Jüngsten der Nachbarskinder, pflegt er seither die innigste Beziehung. Gebissen hat er immer nur mich, ein halbes Jahr lang, in schmerzhaftester Regelmäßigkeit. Wenn ich ihn einlud, sich zu mir auf das Sofa zu setzen. Wenn er auf mein Bett sprang und sich neben mich auf das Kopfkissen legte. Wenn er sich schnurrend wie ein Weltmeister auf Körpernähe einließ. Wenn er meine Brust mit Milchtritten knetete. Wenn ich dann, spontan beglückt, die eine oder andere Hand ausfuhr, um … Dann haute er seine Vampirzähne in die Weichteile dieser Hand wie des Nachts ins Genick einer Feldmaus. Das waren Beutebisse! Kein spielerisches Knabbern an Fingerkuppen. Er biss, um mich zu reißen.

Meine beste Freundin schlug entsetzt die Hände über dem Kopf zusammen, ich solle den Kater schleunigst zurückgeben. Das sei ja wie eine Ehe mit einem gewalttätigen Mann! Nein, antwortete ich ruhig. Ein Kater ist kein Umtauschartikel. Im übrigen, fuhr ich fort, hat er wirklich Biss! Kommt er tropfnass von einem Streifzug nach Hause, legt er sich mir zu Füßen und will mit einem Handtuch trockengerubbelt werden. Fange ich an zu kochen, geht er auf Jagd. Damit er mir, sobald ich mich an den Tisch setze, Gesellschaft leisten kann. Er zeigt mir seine Beute und frisst sie dann mit Haut und Haar und Schwanz auf, leckt den letzten Blutfleck vom Boden. Ein sehr ordentlicher Kater!

Nur auf den ersten Blick wirkt Herr Caruso übergewichtig. Auf den zweiten ist er auch in dieser Hinsicht ein Naturbursche. Was beim Laufen zwischen seinen Beinen hin- und herschwabbelt, ist der sogenannte Urbeutel. Keine Wampe, sondern ein zusätzlicher Hautlappen, der seine inneren Organe schützt und ihm gleichzeitig viel Beweglichkeit schenkt. Herr Caruso kann sich weiter strecken als jeder andere Kater. Dies tut er am liebsten liegend! Im Sommer unter dem Bambus oder auf den aufgeheizten Steinplatten, im Winter auf dem Teppich im Wohnzimmer. Immer, wenn er satt ist und sich geputzt hat, streckt er sich auf dem Rücken aus und träumt. Die vier Pfoten pflügen dann die Mittagsluft und der Schwanz peitscht den Takt dazu. Ein fünfbeiniges Fabeltier!

Wir schlafen beide auf dem Rücken, aber getrennt. Ich in der Nacht, er am Tag. Ich arbeite am Tag, er in der Nacht. Zum Frühstück erscheint er immer pünktlich, aber oft zerzaust und geschunden. Der Raufbold in Konzertkluft, im schwarzen Frack, mit blütenweißer Fliege und einem Dreizack im linken Ohr!

Wenn die Zeit gekommen ist, sage ich: „Ja!“ und öffne die Küchentür. Dann tanzt und jubiliert er ausgelassen und mein Herz schmilzt wie Butter. Wir haben einen modus vivendi gefunden. Herr Caruso bekommt zwischen 6 Uhr und 23:30 Uhr im Dreieinhalbstundentakt jeweils ein Sechstel seiner Tagesration. So bleibt er in Form, schlingt nicht und vermeidet Schluckauf. Ähnlich ist das Verweilen auf dem Sofa reglementiert. Ich sitze in Habachtstellung, Gewehr bei Fuß, und er räkelt sich. Wir haben gelernt, auch den zweiten Blick zuzulassen. Er hat mich nicht mehr gebissen seit dem letzten Mal – und das ist lange her.

Schriftstellerin | Übersetzerin | deutsch und polnisch